Zeit für die Kinder ist entscheidend


Die individualisierte und sich stets im Wandel befindende Gesellschaft stellt Eltern vor Herausforderungen, wenn es um die richtige Erziehung ihrer Kinder geht. Der Pädagoge und Theologe Wilhelm Faix erklärt, warum es dabei vor allem auf die Zeit ankommt, die Eltern mit ihren Kindern verbringen. Die Fragen stellte Swanhild Zacharias.

Zeit für die Kinder ist entscheidend

pro: Was ist wichtig, damit Kinder zu verantwortungsvollen und sozialkompetenten Persönlichkeiten heranwachsen können?

Wilhelm Faix: Die Grundlage dafür ist und bleibt die Eltern-Kind-Beziehung verbunden mit einer wahrgenommenen elterlichen Autorität von der Geburt bis zum jungen Erwachsenenalter. Das wird an den Beispielen im Buch von [Martina] Leibovici-Mühlberger [„Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“] auch sehr deutlich beschrieben. Soziale Kompetenz wird im Miteinander des Familienalltags gelernt. Leider erwartet die gegenwärtige Gesellschaft diesbezüglich wenig von den Eltern, man setzt fast ausschließlich auf Fremdbetreuung – und das ist ein Trugschluss.

Müssen Eltern in Erziehungsfragen umdenken?

Ein Umdenken ist in der Hinsicht notwendig, als dass man erkennt, dass Familie, Erziehung und alle Inhalte über eine gesunde psychische Entwicklung gelernt werden müssen. Jeder bildet sich heute beruflich fort. Aber kein Mensch kommt auf die Idee, dass Eltern das auch brauchen. Es ist überhaupt keine Selbstverständlichkeit mehr, dass Eltern erziehen oder Familie gestalten können, weil Elternsein lediglich eine Option unter vielen anderen ist. Es werden zwar viele unterschiedliche Kurse – bis hin zum Elternführerschein – angeboten, aber die werden nur von wenigen Eltern in Anspruch genommen, weil das gesellschaftliche Bewusstsein dafür fehlt. Die Familienpolitik vermittelt uns, dass für die Erziehung am besten professionelle Erzieher in Kita, Kindergarten und Schule zuständig sind, was ich für eine Fehlentwicklung halte.

Was müssen Eltern konkret in Sachen Erziehung lernen?

Die Bindungsforschung zeigt, dass ein Kind von Geburt an eine sichere Bindung braucht, um ein gesundes psychisches Leben aufzubauen. Die Vernachlässigung der Eltern-Kind-Beziehung kann zu psychischen Problemen beim Kind führen. Ganz wichtig ist die Gestaltung des Familienlebens. Dabei geht es um die Tagesstruktur, Rituale, Regeln und Konsequenzen. Auch gemeinsame Freizeitgestaltung – vorlesen, miteinander reden, spielen, lachen, streiten, arbeiten, etwas unternehmen – und gemeinsame Mahlzeiten sind wichtig für ein Kind und für das Miteinander. Ein gemeinsames Abendritual hilft bei der Entschleunigung nach einem stressreichen Tag – auch den Eltern. In der Apostelgeschichte lesen wir: „Sie blieben beständig in der Gemeinschaft“ (Kapitel 2,42). Das gilt auch für die Familie. Damit sind wir bei der Frage Familie und Beruf. Es ist ein Irrtum zu glauben, dass Familie und Beruf ohne weiteres vereinbar sind. Das ständige Gerede, dass Kinder viel kosten, ist dabei keine Hilfe. In unserer Wohlstandsgesellschaft müssen Eltern lernen, um der Kinder willen zu verzichten.

Die Psychotherapeuten Martina Leibovici-Mühlberger („Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“) und Michael Winterhoff („Warum unsere Kinder Tyrannen werden“) zeichnen ein sehr negatives Bild der jungen Generation: Egoistisch, sozial inkompetent, lustorientiert, kein Durchhaltevermögen, keine Frustrationstoleranz. Sehen Sie die Entwicklungen auch so dramatisch?

Sowohl Leibovici-Mühlberger als auch Winterhoff sprechen aus ihrer therapeutischen Praxis. Das ist natürlich immer zugespitzt. Die Beispiele, die sie bringen, vermitteln dann den Eindruck: So sind alle. Das kann man natürlich nicht pauschalisieren. Ich finde es aber wichtig, dass man hinhört, was die beiden zu sagen haben. Wir dürfen ihre Feststellungen nicht ignorieren, das wäre fahrlässig.

Als Folge fehlender Sozialkompetenz und fehlender Bindung zu den Eltern befürchtet Leibovici-Mühlberger, dass die junge Generation später nicht in der Lage sein wird, für die Alten zu sorgen. Aufgrund des demografischen Wandels sei das ein großes Problem. Teilen Sie diese Sorge?

Ja, die teile ich. Allerdings nicht in der Weise, dass die nachfolgende Generation nicht mehr für die Alten sorgt. Diese Zuspitzung halte ich für etwas problematisch. Unter anderem deswegen, weil die gesellschaftliche Situation immer im Wandel ist. Ich sehe vielmehr die narzisstische Gesellschaft als Problem. Die Menschen drehen sich immer mehr um sich selbst. Dadurch werden das Miteinander und das Füreinander-da-Sein immer weniger. Hier sehe ich ein grundsätzliches Problem. Die psychischen Störungen werden außerdem immer mehr zunehmen.

Die „Tyranneien“ der Kinder seien ein Hilferuf: „Erzieht uns endlich!“, meint Leibovici-Mühlberger.

Das sehe ich auch so. Jede Verhaltensauffälligkeit ist immer auch ein Schrei des Kindes: Helft mir doch. Die große Herausforderung dabei ist, wie diese Hilfe aussehen kann.

Was sind Ansatzpunkte für Eltern, die einen kleinen „Tyrannen“ zu Hause haben und das Gefühl haben, mit dem Kind nicht zurechtzukommen?

Man muss natürlich die Situation vor Ort im Detail besprechen. Aber ein allgemeiner Hinweis wäre, dass Eltern ihren Lebensstil und ihren Familienalltag überdenken sollten. Sie müssen sich fragen, was im Familienleben dazu beiträgt, dass sich ein kleiner Tyrann entwickelt hat. Dazu gehört sehr viel Mut und Ehrlichkeit. Jede Verhaltensstörung des Kindes hat einen Grund. Die alles entscheidende Frage ist, wie viel Zeit Eltern für ihr Kind haben, besonders die Väter. Wieviel Zeit nimmt sich der Vater, um Sorgen und Probleme seines Kindes anzuhören? Macht die Familie miteinander Unternehmungen, kann man zusammen spielen und lachen? Da wird dann oft deutlich, dass der Wille zwar da ist. Praktisch wird aber vieles nicht umgesetzt – zum Beispiel aus Zeitgründen.

Welche Unterschiede fallen Ihnen auf, wenn Sie verschiedene Elterngenerationen miteinander vergleichen? Haben sich Werte, Moralvorstellungen und Prinzipien gewandelt?

Ein grundlegender Unterschied ist, dass in der Vergangenheit die Wertvorstellungen vom Staat vorgegeben waren und eingefordert wurden. Heute sind die Fragen, die das Familienleben angehen, der Familie selbst überlassen. Es steht Eltern frei, nach welchen Werten sie ihr Leben und ihre Erziehung ausrichten und ob sie diese Werte auch leben. In dieser individualisierten Gesellschaft sind viele Eltern nicht in der Lage, das alleine zu bewältigen. Die Gesellschaft steht in einem ständigen Veränderungsprozess. Damit ist die Gefahr verbunden, dass man die Vergangenheit glorifiziert und die Gegenwart als Verfall bezeichnet. Das ist nicht hilfreich. Man muss fragen, was die neuen Herausforderungen sind gegenüber denen der Vergangenheit. Denn einen Idealzustand in der Erziehung gab es noch nie. Diese Verantwortung zu übernehmen ist das, worauf es ankommt. Das ist schwierig. Daran scheitern die meisten Eltern.

Unterscheiden sich die Erziehungsmethoden und Orientierungen von christlichen und nicht-christlichen Familien?

Christliche Eltern stehen vor den gleichen Herausforderungen wie andere Eltern, etwa bei Fragen zur gesellschaftlichen Entwicklung im Hinblick auf Beruf und Familie und Zeiteinteilung. Dazu kommt, dass wir eine Milieu-Gesellschaft geworden sind. Die Sinus-Milieu-Studie zeigt, dass christliche Familien am stärksten im bürgerlichen Milieu verankert sind. Und das bürgerliche Milieu im säkularen Bereich hat etwa die gleichen Wertvorstellungen wie Christen in ihrem Milieu.

Vielen Dank für das Gespräch!

Wilhelm Faix ist Dozent für Pädagogik und Psychologie am Theologischen Seminar Adelshofen. Neben seiner Dozententätigkeit ist der Vater von drei erwachsenen Kindern auch in der Ehe- und Erziehungsberatung tätig.

(Quelle: pro – Christliches Medienmagazin 4/2016, S. 9f.; Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung)

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